Das Geisenheimer FACE-Experiment - Ein Blick in die Zukunft der Reben.
In diesem Video erläutert Dr. Susanne Tittmann vom Institut für allgemeinen und ökologischen Weinbau wie die CO2-Belastung des Weinbaus der Zukunft an der Hochschule Geisenheim im Feld simuliert wird und was man daraus lernen kann.
Seit 2014 betreiben wir an der Hochschule Geisenheim eine weltweit einzigartige Forschungsanlage, bekannt als FACE - "Free Air Carbon Dioxide Enrichment", zu Deutsch "Atmosphärische Kohlendioxid-Anreicherung". Hier setzen wir Weinreben der Sorten Cabernet Sauvignon und Riesling einer Umgebungsluft aus, die 20 % mehr CO₂ enthält – so, wie es für das Jahr 2050 prognostiziert wird.
Wir erforschen, wie sich dieses Zukunftszenario auf den Weinberg auswirkt:
- Wachstum von Rebstöcken und Traubenstruktur: Wie reagieren die Pflanzen auf die veränderte Atmosphäre?
- Bodenprozesse und Stoffflüsse: Welche Veränderungen treten im Boden auf und wie beeinflussen sie die Pflanzen?
- Inhaltsstoffe und Geschmack des Weins: Wir untersuchen die Inhaltsstoffe der Trauben, um zu verstehen, wie sich der Geschmack des Weins verändern könnte.
- Reaktion auf Schaderreger: Welche Folgen hat die CO2-Erhöhung für den Befall durch Schädlinge und Krankheiten?
Unsere Forschung ist langfristig angelegt. Nur so können wir beobachten, wie sich Reben über Jahre entwickeln – und wie komplex das Zusammenspiel zwischen Pflanzen, Umwelt und Klima wirklich ist.
Die Ergebnisse überraschen: Ja, die Reben wachsen stärker, potenziell ist der Traubenertrag höher, aber verbrauchen auch mehr Wasser, was eine Herausforderung in zunehmend trockeneren Sommern sein kann. Doch gerade bei Riesling führen größere Beeren zu dichter gepackten Trauben. Das erhöht das Risiko für Botrytis, einen Schimmelpilz, der die Ernte mindern kann. Eine Ursache könnte in der Beerengröße der kompakten Rieslingtraube liegen, wodurch sich die Beeren gegenseitig abquetschen und zuckerhaltiger Saft aus dem Beereninnern austritt, welcher solchen Pilzen ein gutes Nährmedium bietet.
Eine gute Nachricht für den Pflanzenschutz ist, dass Pheromonfallen gegen den Schaderreger „Traubenwickler“ auch bei mehr CO₂ wirksam bleiben. Die Traubenwickler werden derzeit im Weinbau sehr erfolgreich anhand der sog. „Verwirrmethode“ kontrolliert. Diese Methode wird also auch in Zukunft ein wichtiger Baustein im Weinbau sein.
Insgesamt reagierten die Jungreben in den ersten Jahren stärker auf erhöhtes CO₂. Mit der Zeit schwächten sich viele Effekte ab. In besonders heißen, trockenen Jahren bleiben Unterschiede in Leistung und Inhaltsstoffen dennoch deutlich nachweisbar.

Wie funktioniert die Anlage?
Unsere Weinberg-FACE-Anlage besteht aus sechs Ringen – jeder 12 Meter im Durchmesser. Ein Ring besteht aus 36 „Türmen“, in deren Turmkopf sich ein Ventilator befindet. In drei von den Ringen dosieren die Turmköpfe die CO2-Freisetzung je nach Windrichtung und Windgeschwindigkeit und pusten CO2 nach unten hin aus. Die anderen drei Ringe sind sogenannte „Kontrollringe“, die kein CO2 abgeben. Diese Kontrollringe sind wichtig, da sie als Referenz die natürlichen CO₂-Werte der Umgebung aufweisen und damit als Vergleichsbasis fungieren. Dieser Aufbau berücksichtigt, dass sowohl das Mikroklima als auch die Sonneneinstrahlung in beiden Ringtypen identisch bleiben, sodass die Effekte tatsächlich auf die CO₂-Zufuhr zurückgeführt werden können.
Infotafel zur Station
Übersichtskarte

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